Netzinfrastrukturen für Telekommunikation: Auch Big Techs sollen Kosten übernehmen

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Große europäische Telekommunikationsanbieter, darunter die Deutsche Telekom, Telefonica und Orange, arbeiten daran, die Kosten für die Netzinfrastruktur zwischen sich und den Big Techs aufzuteilen. Das Ziel dabei ist, die Energiekrise zu bewältigen und gleichzeitig die EU-Klimaziele zu erreichen.

Einem Bericht von Reuters zufolge kommt dieser Aufruf zur richtigen Zeit: Demnach arbeitet die Europäische Kommission aktuell an einem neuen Gesetzesvorschlag, für den gerade Feedback von beiden Seiten eingeholt wird. Die Eingabe könnte Tech-Unternehmen in Zukunft dazu zwingen, sich an den Kosten für die Einführung von 5G- und Glasfaserkabeln in allen 27 EU-Ländern zu beteiligen. Dazu kündigte die Europäische Union kürzlich die Vorbereitung einer Konferenz an. Im Mittelpunkt wird dabei die Frage stehen, ob große Tech-Unternehmen wie Google, Netflix, Facebook, Apple und Amazon einen Teil der Kosten für Telekommunikationsnetze mittragen sollten. Das Gutachten beträfe außerdem die detaillierte Untersuchung von Metaverse-Technologien. Die Fürsprecher der Big Techs argumentieren jedoch bereits, dass die Einführung obligatorischer Finanzbeiträge die Netzneutralität untergraben würde.

Nach Ansicht der wichtigsten Führungskräfte von Telekommunikationsunternehmen benötigt die betreffende Infrastruktur eine jährliche Investition von etwa 50 Milliarden Euro – weshalb ein dringender Finanzierungsbedarf bestehe. In der Erklärung, die Reuters vorliegt, heißt es: „Die Kosten für Planung und Bauarbeiten steigen. So haben sich beispielsweise die Preise für Glasfaserkabel in der ersten Hälfte des Jahres 2022 fast verdoppelt. Auch höhere Energie- und andere Inputkosten wirken sich auf den Konnektivitätssektor aus“.

Weitere Telekommunikationsanbieter, die die Erklärung unterzeichnet haben, sind Vodafone, Bouygues Telecom, KPN, BT Group, TIM Group, Telia Company, Fastweb und Altice Portugal.

Kleine Anbieter sehen Gefahren

Kleinere Telekommunikationsunternehmen sehen die Verpflichtung der Big Techs kritisch: Sie fürchten, dass der Markt verzerrt und der Wettbewerb Schaden erleiden könnte, wenn die großen IT-Firmen einen Teil der Kosten für die Netzinfrastruktur Europas tragen sollten.

Auch MVNO Europe, wozu neben anderen Unternehmen auch Sky, Freenet und PosteMobile gehören, äußerte sich zu der Angelegenheit: Demnach seien die großen Telekommunikationsunternehmen seit langem darüber verärgert, dass ihre Netze von Konkurrenten aus dem Technologiesektor ausgenutzt würden. Sollte die Europäische Kommission mit einem Gesetz die Big Techs zur (Teil-)Übernahme der Netzwerkkosten zwingen, könnte die Welle der finanziellen Auswirkungen somit auch die MVNOs (Mobile Virtual Network Operators) erreichen.

„Wir machen uns Sorgen, dass die vorgeschlagenen Beiträge zu gemeinsamen Investitionen in die Netzinfrastruktur den Wettbewerb ernsthaft beeinträchtigen – sowohl auf den Telekommunikationsmärkten, als im Hinblick auf MVNOs. Das kann einen Nachteil für Verbraucher und Geschäftskunden mit sich bringen“, sagte der Vertreter der MVNO-Europe-Gruppe.

MVNO Europe befürchtet weiter, dass der Vorschlag unbeabsichtigte Effekte auslösen könnte: So berge das geplante Konzept die Gefahr, dass die größten Telekommunikationsanbieter nicht nur Kunden und Anbieter von Inhalten oder Apps für ihre Services zur Kasse bitten – auch alternative Betreiber, die bereits jetzt Netzzugangsgebühren bezahlen, könnten miteinbezogen werden, was quasi einer dreifachen Vergütung entspräche.

Aktivisten für digitale Rechte warnen dazu vor den Risiken, die diese mögliche Gesetzgebung für die Netzneutralität mit sich bringen könnte.

Die Sicht der Big Techs

Als Reaktion auf den Angriff der großen Telekommunikationsanbieter bezog auch Google Stellung: So werde die Idee hinter dem Vorhaben bereits seit über 10 Jahren diskutiert und sei aus Sicht des Unternehmens schlecht für die Verbraucher. Zudem investiere die Firma bereits Millionen in die Infrastruktur des Internets, wie der Google-Mitarbeiter Matt Brittin, Präsident für Business & Operations für den im EMEA-Raum, kommentierte.

„Die Einführung eines Absenderprinzips ist kein neues Konzept und würde viele der Grundsätze des offenen Internets zu Fall bringen. Die vorgebrachten Argumente ähneln denen, die wir schon seit über 10 Jahren hören – und uns liegen keine neuen Daten vor, die die Situation verändern“, sagte der leitende Angestellte. Dies könnte sich negativ auf die Konsumenten auswirken; insbesondere in einer Zeit steigender Preise, so Brittin. Dabei berief er sich auf einen Bericht der paneuropäischen Verbrauchergruppe BEUC, in dem diese Bedenken dargelegt werden.

Nach Brittins Ansicht hat Google seinen Anteil bereits beigetragen: „Bis 2021 werden mehr als 23 Milliarden Euro an Investitionen getätigt – ein Großteil davon fließt in die Infrastruktur.“ Dazu gehört beispielsweise der Aufbau von sechs großen europäischen Datenzentren sowie 20 Seekabeln weltweit, fünf davon in Europa – außerdem Caches zur Speicherung digitaler Inhalte in lokalen Netzwerken an 20 europäischen Standorten.

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