China investiert in RISC-V-Plattformen für Rechenzentren

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Die US-Regierung hat vor Kurzem Vorschriften erlassen, um China weitere Ausfuhrkontrollen aufzuerlegen. Darunter ist eine Maßnahme, die den Zugang Chinas zu bestimmten Halbleitern verhindert, die überall auf der Welt mit Werkzeugen aus den USA hergestellt werden. Durch die US-Maßnahmen wird der Versuch ausgeweitet, die technologischen und militärischen Fortschritte Chinas auszubremsen.

Die Vorschriften blockieren auch die weitreichende Lieferung von Chips für chinesische Supercomputersysteme. Letztere werden als Systeme mit einer Rechenleistung von mehr als 100 Petaflops auf einer Fläche von 6.400 Quadratmetern definiert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters könnten die neuen Vorschriften auch einige kommerzielle Rechenzentren von Chinas Tech-Giganten treffen.

Diese und andere Exportverbote sowie Handelsbeschränkungen, die in den letzten Jahren gegen chinesische Chiphersteller verhängt wurden, haben einen starken Einfluss auf x86-Prozessoren von Unternehmen wie Intel, AMD und NVIDIA. Der wachsende Druck auf die Chipherstellung hat die Aufmerksamkeit der Chinesen auf die RISC-V-Plattform gelenkt. Das geht aus einem Interview mit dem Analysten Glenn O’Donnell von Forrester Research auf der Webseite The Register hervor.

„Da der Handelskrieg zwischen den USA und China den Verkauf von Prozessoren einschränkt, müssen sich chinesische Infrastrukturanbieter und Cloud-Provider anpassen, um zu überleben. Sie wandten sich zunächst der Plattform Arm zu – aber auch hier gibt es Handelsbeschränkungen. Deshalb zeigen sie mittlerweile großes Interesse an RISC-V“, sagt O’Donnell.

Unter anderem steht die Chinesische Akademie der Wissenschaften auf der Liste der Einrichtungen, die unter die US-Handelsbeschränkungen fallen. Sie hat Open Source 64-Bit RISC-V Cores entwickelt und nimmt alle sechs Monate größere Design-Updates vor. „Wir wünschen uns Unternehmen wie Red Hat für RISC-V“, sagte Yungang Bao kürzlich bei einer Präsentation auf dem RISC-V Summit in San Francisco. Er ist Professor am Institut für Computertechnologie an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.

Einen ähnlichen Weg ­– wenn auch abseits von klassischen Rechenzentren – beschreitet Alibaba Cloud: Der digitale Technologie- und Intelligenzzweig der Alibaba Group hat eine Chipentwicklungsplattform namens Wujian 600 vorgestellt. Diese soll bei der Entwicklung von Hochleistungs-SoCs für Edge-IA Computing unter Verwendung der RISC-Architektur helfen.

Es gibt jedoch auch Stimmen, die RISC-V nicht als Option für den Einsatz in anspruchsvolleren Computing-Power-Umgebungen wie Rechenzentren ansehen. Dermot O’Driscoll, Vice President of Solutions bei Arm, räumt ein, dass sich RISC-V im Vergleich mit dem britischen Chipdesigner wettbewerbsfähig ist. Er weist jedoch darauf hin, dass der Konkurrent erst seit Kurzem in kommerziellen Produkten vertreten ist. Arm scheint sich keine Sorgen um die RISC-V-Plattform zu machen – vor allem nicht im Bereich der Rechenzentren, wo das Unternehmen bisher sehr erfolgreich ist.

„Wir sehen RISC-V weder jetzt noch in naher Zukunft als Hauptkonkurrenten für uns im Rechenzentrumsbereich“, kommentiert Chris Bergey, Senior Vice President und General Manager des Infrastrukturgeschäfts von Arm. Er sieht den Konkurrenten eher im Bereich der Nischen- oder Spezialanwendungen.

Nach Ansicht von O’Donnell ist RISC-V eine Architektur, die wie auch zahlreiche andere die Entwicklung leistungsfähiger Prozessoren ermöglicht.

Nicht nur China investiert

Um sich gegen die US-Sanktionen wegen des Krieges gegen die Ukraine zu schützen, entwickeln auch russische Unternehmen wie Yadro und Elbrus RISC-V Cores als Alternative zu x86- und Arm-Prozessoren. Europa ist eine weitere Region, die ebenfalls in RISC-V investiert, um die Risiken der Handelsbarrieren auf dem Halbleitermarkt zu minimieren. Das berichtet die Webseite The Register.

Der RISC-V-Chipanbieter SiFive hat bekanntgegeben, dass seine Multi-Core-RISC-V-Prozessoren SiFive Intelligence X280 bereits in den Rechenzentren von Google eingesetzt werden: Hier dienen sie zur Verwaltung von Arbeitslasten im Bereich der künstlichen Intelligenz.

RISC-V ist eine Open-Source-Plattform, die 2010 von der University of California in Berkeley entwickelt wurde. Sie basiert auf dem RISC-Befehlssatz. Die Plattform gilt als flexibel – denn die Chipdesigner können sie auf der Grundlage modularer Erweiterungen für unterschiedliche Arbeitslasten anpassen. Diese Erweiterungen gewährleisten außerdem, dass die Lösungen weiterhin dem Standard folgen.

Der modulare Ansatz von RISC-V hilft, die wachsende Nachfrage nach spezialisierten Kernen wie IPU, VPU, NPU oder TPU zu bedienen. Darüber hinaus bietet das RISC-V-Ökosystem gemeinsame Entwicklungstools und Ressourcen, die im Vergleich zu proprietären Plattformen unendlich viele Möglichkeiten zur Entwicklung innovativer Lösungen bieten.

Es ist erwähnenswert, dass die Open-Source-Chiparchitektur von RISC-V niedrigere Kosten und einen besseren Zugang bietet. Doch ihre Zukunft auf dem Markt ist alles andere als sicher: Deloitte Global prognostiziert, dass sich der Markt für RISC-V-Prozessorkerne zwischen 2021 und 2022 verdoppeln wird – und 2023 wohl erneut um das Doppelte wachsen wird, da der adressierbare Markt weiterhin expandiert. Welchen Einfluss hat RISC-V also? Start-ups, Chiphersteller und Foundries ­haben hier jeweils ihre eigene Antwort. Die Zeit wird zeigen, ob sich RISC-V in einer Branche durchsetzen wird, die bisher von einigen wenigen beherrscht wird.

Übersichts-Diagramm zur Wachstumsprognose von RISC-V seit 2018 bis 2025
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