Übernahme von Cerner: Oracle rückt im Gesundheitswesen vor

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Mehr als fünf Monate nach der ersten Ankündigung hat Oracle endlich alle notwendigen kartellrechtlichen Genehmigungen erhalten, um die Übernahme von Cerner abzuschließen – inklusive der Zustimmung der Europäischen Kommission. Cerner bietet Krankenhäusern und anderen Organisationen des Gesundheitswesens Informationssysteme an, die eine bessere Patientenversorgung ermöglichen. Ursprünglich wurde mit einem Wert von etwa 30 Milliarden Dollar gerechnet. Am Ende wurde die Firma mit etwa 28,3 Milliarden Dollar bewertet – damit bleibt sie bisher der größte Übernahme-Posten des Software-Riesen.

Eine aktuelle Studie der Mayo Clinic hat gezeigt, dass Ärzte für jede Stunde, die sie mit der persönlichen Behandlung von Patienten verbringen, ein bis zwei Stunden für Krankenakten aufwenden.

„Gemeinsam können Cerner und Oracle die Gesundheitsversorgung umgestalten, indem sie Ärzten eine neue Generation von Informationssystemen zur Verfügung stellen. Denn bessere Informationen ermöglichen einfachere Behandlungsentscheidungen, was wiederum zu optimierten Ergebnissen führt. Unsere neuen, einfach zu bedienenden Systeme sollen so den Verwaltungsaufwand für Ärzte reduzieren, den Datenschutz für Patienten gewährleisten und die Gesamtkosten im Gesundheitswesen senken“, so Larry Ellison, Chairman und Chief Technology Officer bei Oracle.

„Cerner ist führend bei der Digitalisierung der medizinischen Versorgung. Es ist an der Zeit, diese vielversprechenden Werkzeuge einzusetzen, um dem medizinischen Fachpersonal die richtigen Informationen zum perfekten Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen. Die Zusammenarbeit mit Oracle bietet eine beispiellose Gelegenheit, unsere Arbeit zu beschleunigen. Das erreichen wir, indem wir die elektronische Patientenakte modernisieren, die Erfahrung des medizinischen Personals bereichern und eine besser vernetzte, hochwertige und effiziente Patientenversorgung ermöglichen“, so David Feinberg, CEO und Präsident von Cerner.

Auf Dauer sollen es die Autonomous Database von Oracle, die Low-Code-Tools von APEX und die sprachgesteuerte Benutzeroberfläche ermöglichen, die Systeme von Cerner schnell zu modernisieren und in die Cloud von Oracle zu migrieren. Nach Angaben des Unternehmens kann dies sehr schnell geschehen, da die Hauptbestandteile der Cerner-Lösung bereits die Datenbank von Oracle nutzen. „Es werden keine Anpassungen notwendig sein. Was sich ändern wird, ist die Benutzeroberfläche. Wir werden die Systeme von Cerner viel einfacher erlernbar und nutzbar machen, indem wir die Sprachtechnologie zur primären Schnittstelle zu den klinischen Systemen von Cerner machen“, erklärt Mike Sicilia, Executive Vice President von Oracle.

Oracle geht zudem davon aus, dass das öffentliche Angebot unmittelbar nach Ablauf am 6. Juni 2022 um Mitternacht östlicher Zeit angenommen wird. Dabei hängt der Abschluss der Transaktion von der Erfüllung bestimmter Bedingungen ab – diese betreffen unter anderem die Aktionäre von Cerner.

Das bedeutet die Transaktion für die Gesundheitsbranche

Die 28,3 Milliarden Dollar, die für die Übernahme gezahlt wurden, sind fast dreimal so viel wie bei der derzeit zweitteuersten Transaktion – dem Kauf von PeopleSoft im Jahr 2005 für 10,3 Milliarden Dollar. Es muss also einen guten Grund für diese beträchtliche Investition geben.

Denn laut Oracle werden die Lösungen von Cerner in den kommenden Jahren ein wichtiger Wachstumsmotor sein. Das liegt daran, dass das Unternehmen das neue Cerner-Geschäft auf mehrere Länder ausdehnt. Außerdem verfügt Oracle bereits über eine bedeutende Präsenz im Gesundheitswesen, die mit der Übernahme von Cerner noch weiter ausgebaut wird. Schließlich ist Cerner laut KLAS Research mit einem Marktanteil von 25 % im Jahr 2020 die Nummer 2 im Bereich der elektronischen Patientenakten.

Hinzukommt, dass der Gesundheitsmarkt in der Zeit nach der Pandemie massiv wächst und auch die Aufmerksamkeit anderer großer Unternehmen auf sich zieht. So hat Microsoft zum Beispiel 19,7 Milliarden Dollar für Nuance Communications bezahlt, einen Anbieter von Spracherkennungssoftware, die in Krankenhäusern, Kliniken und Arztpraxen eingesetzt wird. „Microsoft hat seine Bemühungen zur Bereitstellung branchenspezifischer Cloud-Lösungen beschleunigt. Dazu gehört auch die Microsoft Cloud for Healthcare: Sie kommt 2020 auf den Markt und soll die umfassenden Anforderungen der sich schnell verändernden und wachsenden Gesundheitsbranche erfüllen. Die Ankündigung der Nuance-Übernahme ist der jüngste Schritt in unserer Cloud-Strategie“, so Microsoft auf seiner Website. Schließlich können Spracherkennung und automatische Transkription die Zeit, die Ärzte und andere Fachkräfte im Gesundheitswesen mit dem Abtippen von Patienteninformationen und Behandlungsnotizen verbringen, erheblich reduzieren.

Das von Elisson geführte Unternehmen kann durch seinen Zusammenschluss mit Cerner die Kombination der gesammelten Daten aus der Cerner-Lösung mit den Analysetools und der künstlichen Intelligenz von Oracle erleichtern. So lassen sich Muster erkennen und Vorhersagen über wirksamere Behandlungen machen.

Außerdem dürfte sich Oracle auch für das Cloud-Geschäft von Cerner interessieren. Schließlich unterhält das Unternehmen eine enge Beziehung zu Amazon Web Services und der Initiative Project Apollo. Letztere baut auf die AWS-Infrastruktur auf und zielt darauf ab, Kunden im Gesundheitswesen kognitive Computing-Funktionen zur Verfügung zu stellen.

„Oracle ist erst spät in das Cloud-Infrastrukturgeschäft eingestiegen und liegt hinsichtlich des Marktanteils hinter AWS, Microsoft und Google. Ellison ist weit davon entfernt, seine Niederlage einzugestehen und nutzt jede Gelegenheit, um die Cloud-Fähigkeiten von Oracle hervorzuheben. Es gibt also allen Grund zur Annahme, dass Oracle einen großen Teil der zukünftigen Migration von Cerner in die Cloud übernehmen könnte“, unterstreicht ein Artikel auf CNBC.

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