Halbleiterknappheit wirkt sich auf die gesamte Elektronikindustrie aus

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Die Halbleiterlieferkette hat seit Beginn der Covid-19-Pandemie stark gelitten. So lösten die vorübergehenden Fabrikschließungen einen Dominoeffekt auf die weltweite Chipversorgung aus. Eine Situation, die bis heute anhält – obwohl Kunden und Regierungen die Hersteller stark unter Druck setzen. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach EDV-Geräten weiter an, da die Unternehmen ihre Dienste in die Cloud verlegt und viele Menschen aus dem Homeoffice gearbeitet haben.

In den letzten Monaten hat die Ausbreitung der Delta-Variante in südostasiatischen Ländern wie Malaysia und Vietnam dazu geführt, dass neue Fabriken schließen oder ihre Produktionskapazitäten reduzieren mussten. Dieser Faktor wirkt sich stark auf das Angebot an Bauelementen für die Datenverarbeitung aus. Die Segmente kommen für eine Vielzahl von Zwecken zum Einsatz, beispielsweise für Computer oder Automobilkomponenten.

In den USA hat die Federal Administration Druck auf die Halbleiterunternehmen ausgeübt, damit diese ihren Kunden gegenüber mehr Transparenz in Bezug auf Bestellungen, Lagerbestände, Produktions- und Verkaufsvolumen schaffen. Das Handelsministerium hat dabei mit rechtlichen Konsequenzen gedroht, um die großen Unternehmen dazu zu bringen, aktuelle Informationen über ihre tatsächlichen Geschäftsverhältnisse zu liefern. Hierfür verwendeten sie speziell von der Regierung entworfene Fragebögen.

Die Herstellung und der Vertrieb von Halbleitern durch Unternehmen wie die Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC), Samsung, Intel, Qualcomm und Apple sind für die Herstellung von Mobilfunk-, Computer-, Industrie- und Automobilprodukten sowie für den Bau von Rechenzentren unerlässlich. Einige Unternehmen haben über Schwierigkeiten bei der Beschaffung wichtiger Komponenten berichtet und in den letzten Monaten einen Rückstand von 70 bis 80 % gegenüber dem Normalwert angehäuft.

Nach Angaben der Susquehanna Financial Group hat sich die Vorlaufzeit für die Lieferung von Chips im August auf 20,2 Wochen erhöht. Dies entspricht einem Anstieg von acht Tagen gegenüber den Vormonaten. Einige Branchen, wie die Automobilindustrie, wurden vom Covid-19-Ausbruch überrascht: Ihre Nachfrageprognosen deckten sich nicht mit der Realität – was bisher bereits einen Verlust in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar verursachte.

Trotz der Probleme arbeiten die Halbleiterhersteller nach eigenen Angaben mit hundertprozentiger Auslastung. Einige haben sogar ihre Schichten aufgestockt, um mit den wachsenden Aufträgen Schritt zu halten. Die Chipindustrie produziert so viel wie nie zuvor – und die Unternehmen kündigen sogar zusätzliche Werkserweiterungen sowie den Bau neuer Anlagen an.

TSMC, der weltgrößte Halbleiterhersteller, gab im April bekannt, dass er in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 100 Milliarden Dollar in neue Fabriken in Regionen wie Tainan oder Hsinchu in Taiwan und zu investieren plant. Des Weiteren erwägt das Unternehmen, in Baosham zu bauen und ein 12-Milliarden-Dollar-Werk in Arizona zu errichten, das 2024 in Betrieb gehen soll. Der koreanische Konzern SK Hynix kündigte ebenfalls an, einen entsprechenden Betrag für den Bau eines Werks südlich von Seoul bereitzustellen.

Auch in Europa und in den USA sollen neuen Fabriken entstehen oder Standorte ausgebaut werden: So erklärte der Vorstandsvorsitzende von Intel auf der IAA Mobility in München Anfang des Monats, dass das Unternehmen in den nächsten 10 Jahren bis zu 95 Milliarden Dollar investieren will, um zwei neue Fabriken in Europa zu errichten und sein Werk in Leixlip, Irland, zu erweitern. In einem Interview mit der Washington Post sagte er, dass für die Erweiterung der Fabriken in Arizona 20 Milliarden Dollar investiert werden sollen. Zudem sind weitere 60 bis 120 Milliarden Dollar für neue Fabriken in den USA angedacht, wobei der Standort noch nicht feststehe. Das Unternehmen holt derzeit Angebote aus verschiedenen US-Bundesstaaten ein, geht aber davon aus, durch den Ausbau mehr als 10.000 direkte und weitere 100.000 indirekte Arbeitsplätze zu schaffen. Im Grunde „entsteht so eine kleine Stadt“.

Trotz der Pläne der Hersteller und der stratosphärischen Ausgaben dürfte es einige Zeit dauern, bis sich diese neuen Investitionen tatsächlich auf das Tempo der Chipherstellung auswirken. Nach Einschätzung von Branchenexperten dürfte sich dieses erst Ende 2022 oder Anfang 2023 normalisieren. Der Rückstau an Aufträgen und die durch die Pandemie verursachten Einschränkungen beeinträchtigen die Verfügbarkeit von Halbleitern auf dem Weltmarkt daher wahrscheinlich noch einige Monate, wenn nicht sogar Jahre.

Eine direkte Folge des Mangels an Marktprodukten ist natürlich auch ein Anstieg der Preise. TSMC, Samsung Foundry, GlobalFoundries, SMIC, UMC und andere, die Wafer für Dritte herstellen, hoben in letzter Zeit ihre Preise stark an. Eine Entscheidung, die sich kaskadenartig auf den Wert praktisch aller elektronischen Geräte in der Welt auswirkt. Laut einer Studie von Counterpoint Technology Market Research sind die Preise für Wafer, die die ausgereifteren Technologien von TSMC nutzen, zwischen 2020 und dem dritten Quartal 2021 um 25 bis 40 Prozent gestiegen. Es wird im Jahr 2022 eine weitere Preiszunahme um 10 bis 20 Prozent erwartet.

Preiserhöhungen von TSMC und Samsung greifen ab 7 nm – Quelle: Counterpoint

Counterpoint geht jedoch nicht davon aus, dass sich bei den Werten fortschrittlicherer und modernerer Technologien (10 nm und kleiner) die gleichen Auswirkungen bilden. Die Hersteller verhandeln häufig mit ihren Kunden über die Preise, um neue Technologien einzuführen und zu „pushen“. Dies dürfte jedoch nicht lange anhalten, sodass auch bald die Verbraucher gezwungen sein werden, aufgrund der Differenz im Endwert weniger fortschrittliche Produkte zu kaufen.

TSMC, das für mehr als die Hälfte des weltweiten Foundry-Marktes verantwortlich ist und Chips für Apple, Nvidia und Qualcomm liefert, hat den Kostenanstieg nur langsam an die Kunden weitergegeben. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das Unternehmen schon immer höhere Preise als seine kleineren Konkurrenten verlangte und bei seinen Geschäften eine große Marge erzielte. Doch Anfang nächsten Jahres dürften auch die Verbraucher von TSMC das Problem in ihren eigenen Geldbörsen spüren. So kündigte Nvidia an, dass die Versorgung mit seinen Grafikprozessoren gefährdet ist – denn die Bauteile werden immer knapper und zugleich teurer. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass AMD und Qualcomm ihre Preise erhöhen, was sich wiederum auf den Wert von GPUs und Prozessoren auswirken wird.

Rechenzentren leiden bereits

Wer im Einzelhandel einkauft, kann aktuell noch Produkte erwerben. Für Großhandelskunden wie z. B. neue Rechenzentren, stellt sich die Situation jedoch immer komplizierter dar. Der Mangel an Widerständen, Kondensatoren, integrierten Schaltkreisen, Netzteilen und anderen Komponenten hat die Herstellung von Schlüsselprodukten wie Switches, Routern, Servern, Netzwerkkarten, Videokarten und sogar Stromversorgungs- und Kühlsystemen beeinträchtigt.

Die Halbleiterhersteller sind weiterhin bestrebt, ihre Umsatzziele zu erreichen und Gewinne für ihre Aktionäre zu erwirtschaften. Allerdings verpflichten sich viele von ihnen dazu, in den kommenden Jahren Investitionen zu tätigen und ihre Gewinnspannen zu verringern, um sich so auf die Zukunft vorzubereiten. Doch solche Anschaffungen lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Wir müssen daher 2022 oder 2023 abwarten, um zu sehen, ob sich die Angebots- und Nachfragekurve ausgleicht.

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